Regionalbischof Cordemann: „Veränderung beginnt mit Hören“

Hildesheim, 01. November 2026

Ökumenischer Reformationsgottesdienst in Hildesheim

REgionalbischof Dr. Claas Cordemann predigte beim ökumenischen Reformationsgottesdienst. F: Müller

Regionalbischof Dr. Claas Cordemann hat beim ökumenischen Regionalgottesdienst zum Reformationstag (31. Oktober) in der Hildesheimer St.-Andreas-Kirche für mehr Zuhören und einen verantwortlichen Umgang mit Freiheit geworben: „Veränderung beginnt nicht mit dem Tun. Veränderung beginnt mit dem Hören.“ Cordemann erinnerte zugleich an die jüdischen Wurzeln des Christentums und an Luthers judenfeindliche Schriften.

Ökumenischer Gottesdienst am Reformationstag

Dass Evangelische und Katholiken den Reformationstag gemeinsam feiern, hat in Hildesheim Tradition. In der gut besetzten Andreaskirche gestalteten die stellvertretende Superintendentin Anke Garhammer-Paul und der stellvertretende Superintendent und Andreas-Pastor Dr. Janis Berzins die Liturgie mit dem katholischen Stadtdechanten und Domkapitular Marcus Scheiermann. Hinter dem Altar hatte der Basilikachor St. Godehard unter Leitung von Kantor Tobias Meyer Aufstellung genommen. An der Orgel spielte Katariina Lukaczewski; Prof. Dr. Jörg Bölling übernahm die Orgelbegleitung des Chores.

Jüdische Wurzeln und historische Verantwortung

Der Basilikachor St. Godehard unter der Leitung von Kantor Tobias Meyer riina Lukaczewski und Prof. Dr. Jörg Bölling (Orgelbegleitung des Chores). F: Müller

Seine Predigt begann Cordemann fern von Hildesheim: auf dem jüdischen Friedhof „Heiliger Sand“ in Worms, den er mit seiner Frau besucht hatte. Er erzählte von einem regnerischen Tag, vom Geruch feuchten Laubs und vom Blick über die alten Grabsteine zum christlichen Dom. Was der Blick nicht zeige, seien die Abgründe der jüdisch-deutschen Geschichte. Cordemann sprach von Pogromen, christlichem Antijudaismus und der Shoah. Luthers antijüdische Schriften ließ er nicht aus.

Vom biblischen Hören

zur digitalen Gegenwart

Mit dem jüdischen Glaubensbekenntnis „Schma Jisrael“, das mit den Worten „Höre, Israel“ beginnt, schlug Cordemann den Bogen zur Reformation. Auch Jesus dürfte es, so Cordemann, täglich gebetet haben. Vier Gedanken entfaltete er daraus: Hören, Freiheit, Liebe und Einübung. Am Anfang der Reformation, erinnerte der Regionalbischof, habe kein fertiges Reformprogramm gestanden, sondern Luthers Hören auf Gottes Wort.

Veränderung beginnt nicht mit dem Tun. Veränderung beginnt mit dem Hören.

Regionalbischof Dr. Claas Cordemann

Heute dagegen, kritisierte Cordemann, sei die Gesellschaft vor allem mit dem Senden beschäftigt, auf TikTok und Instagram ebenso wie anderswo. „Je schriller, desto besser.“ Und: „Hörst Du noch wirklich zu, wenn Dir jemand etwas erzählt?“
Danach ging es um die Frage, woran Menschen ihren Wert bemessen. Wer ihn vor allem an beruflichem Erfolg, Geld oder Anerkennung messe, mache sich davon abhängig. Der Glaube könne diese Bindungen lösen, doch Freiheit brauche eine Richtung. „Freiheit allein ist noch kein Maßstab für ein gutes Leben“, sagte der Regionalbischof. Ohne Liebe drohe sie zur Freiheit auf Kosten Schwächerer zu werden. Das gelte auch im Großen, wenn Milliardäre, Autokraten und Populisten ihre Interessen durchsetzen wollten.

Wie der Glaube im Alltag Bestand gewinnt

Gestalteten den Gottesdienst ökumenisch: die stellvertretendete Superintendentin Anke Garhammer-Paul (v.l.), der katholische Domkapitular und Stadtdechant Marcus Scheiermann, Regionalbischof Dr. Claas Cordemann, der stellv. Superintendentin und Andreas-Pastor Dr. Janis Berzins sowie Kirchenvorsteher CC. Foto: Müller

Zum Schluss wandte sich Cordemann der Frage zu, wie der Glaube im Alltag Bestand gewinnen kann: Das „Schma Jisrael“ fordere dazu auf, Gottes Gebote den Kindern einzuprägen. Weil Menschen nicht immer aus sich selbst schöpfen könnten, seien vertraute Gebete, Lieder und Rituale eine Hilfe, sagte Cordemann. Dafür hätten die katholischen Christen nach seinem Eindruck oft ein besseres Gespür als die evangelischen. In St. Andreas erklangen an diesem Vormittag neben Luthers Chorälen „Ein feste Burg ist unser Gott“ und „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ auch das ursprünglich katholische „Großer Gott, wir loben dich“.

Sprengel Hildesheim-Göttingen/ gmu

Weitere Informationen

Der 31. Oktober erinnert an Martin Luthers historischen Thesenanschlag in Wittenberg im Jahr 1517. Mit seinen 95 Thesen gegen den Missbrauch des Ablasshandels stieß er die Erneuerung der Kirche an. In Niedersachsen ist der Reformationstag seit 2018 ein fester gesetzlicher Feiertag – nach einer einmaligen bundesweiten Regelung zum 500. Jubiläum im Jahr 2017. Der Tag steht für Gewissensfreiheit, die Rückbesinnung auf das Evangelium und gesellschaftliche Verantwortung. Kirchengemeinden begehen ihn traditionell mit feierlichen Gottesdiensten.

Autor

Gunnar Müller