Cordemann: Freiheit braucht Richtung und Verantwortung

Göttingen, 13. Juli 2026

Ist die Freiheit in Gefahr? Rund 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft, Pfarramt und Ehrenamt haben in Göttingen beim ersten Theologischen Studientag zum Thema „Gefährdete Freiheit“ über äußere Bedrohungen und innere Widersprüche moderner Freiheit diskutiert. Regionalbischof Dr. Claas Cordemann (Sprengel Hildesheim-Göttingen) warnte: „Freiheit wird auch von den Feinden der Freiheit in Anspruch genommen.“ Veranstaltet wurde der Studientag von der Landeskirche Hannovers, dem Pastoralkolleg Niedersachsen und der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen.

Cordemann: Christliche Freiheit braucht Richtungssinn

Cordemann forderte, christliche Freiheit nicht bei formaler Selbstbestimmung stehen zu lassen. Ihr „Richtungssinn“ zeige sich in drei Verantwortungsdimensionen: Menschenwürde, Nächstenliebe und Reich Gottes. Jeder Mensch sei unabhängig von Religion, Nationalität oder Geschlecht als Ebenbild Gottes anzusehen. Daraus folge die Absage an Rassismus und Diskriminierung.

Menschenwürde dürfe nicht abstrakt bleiben, so der Regionalbischof, sondern müsse das Zusammenleben prägen. Nächstenliebe sei keine spontane Gefühlsregung, sondern eine Haltung gegenseitiger Achtung. „Hass, Hetze und Herabwürdigungen dürfen nicht salonfähig werden und als neues ‚Normal‘ achselzuckend zur Kenntnis genommen werden.“ Kirche dürfe zwar nicht parteipolitisch handeln, könne aber nicht unpolitisch sein. Menschenwürde, Nächstenliebe und Reich Gottes bildeten für Cordemann den Maßstab christlich verstandener Freiheit.

Hass, Hetze und Herabwürdigungen dürfen nicht salonfähig werden und als neues ‚Normal‘ achselzuckend zur Kenntnis genommen werden.

Regionalbischof Dr. Claas Cordemann

Der Göttinger Theologieprofessor Martin Laube beschrieb Freiheit als fragile Balance zwischen Selbstbestimmung und vorgefundenen Bedingungen. Keine Entscheidung falle im leeren Raum: Natürliche, geschichtliche und soziale Bedingungen prägten den Handlungsspielraum. Frei sei nicht, wer jede Abhängigkeit abschüttele, sondern wer sich zu diesen Voraussetzungen verhalte und sie mitgestalte.

Laube: Freiheit als fragiles Gleichgewicht

„Freiheit ist das Werk der Befreiung“, sagte der systematische Theologe. Sie sei kein fester Besitz, sondern müsse immer wieder vollzogen werden. Der Mensch könne sich nicht vollständig selbst zur Freiheit hervorbringen; zugleich lasse sich Freiheit nicht von außen „implantieren“. Im Anschluss an den Philosophen Christoph Menke sprach er vom „Paradox der Befreiung“: Menschen könnten nur frei werden, wenn dieses Freiwerden selbst frei geschehe.

Nach seiner Analyse sei moderne Freiheit doppelt gefährdet. Einerseits könne sie sich zu einem radikalen Individualismus steigern, der Regeln, soziale Bindungen und Gemeinwohl nur noch als Einschränkung begreife. Enttäuschte Erwartungen an Selbstbestimmung könnten in Ressentiment umschlagen und autoritäre Angebote attraktiv machen.

Andererseits könne die wachsende Zahl persönlicher Wahlmöglichkeiten überfordern. Wer sein Leben selbst gestalten müsse, trage auch das Risiko der Entscheidungen. Misserfolg erscheine schnell als persönliches Versagen. Eine Kultur ständiger Selbstoptimierung werde so zur „Kultur der Erschöpfung“. Die Folge daraus könne eine Flucht vor der Freiheit sein: Menschen gäben Verantwortung ab und suchten Halt bei starken Autoritäten.

Theologische Widersprüche und gesellschaftliche Einbettung

Auch im reformatorischen Verständnis von Freiheit sah der Göttinger Theologe eine offene Frage. Danach wird der Mensch durch Gottes Gnade befreit und kann sich diese Freiheit nicht selbst verschaffen. Wird er dabei jedoch als völlig passiv gedacht, bleibt unklar, wie er dem Glauben selbst zustimmen und die Befreiung annehmen kann. Laube warnte deshalb davor, christliche Freiheit als überlegene Alternative zur modernen Selbstbestimmung darzustellen. Sie müsse vielmehr so verstanden werden, dass Gottes Gnade und die Freiheit des Menschen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Cordemann ergänzte, ein weitgehend formaler Freiheitsbegriff müsse inhaltlich konkretisiert werden. Andernfalls könnten sich auch christlich-nationalistische, populistische oder fundamentalistische Gruppen auf ihn berufen. Kirche müsse benennen, woran sich christliche Freiheit orientiere und welche Verantwortung aus ihr folge.

Der Religions- und Kultursoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack unterstrich die gesellschaftliche Einbettung von Freiheit. Menschen würden durch Kommunikation, Sozialisation und gesellschaftliche Werte geprägt, gingen darin aber nicht vollständig auf. Zugleich warnte er die Theologie vor einem neuen Überlegenheitsanspruch. Die Einsicht in die Gefährdung der Freiheit sei nicht allein dem Christentum vorbehalten.

Diskussion und Ausblick: Praxis und Diversität

In der anschließenden Diskussion räumte Laube ein, dass sich in theologischen Argumentationen leicht Überlegenheitsansprüche einschleichen könnten. Zugleich dürfe das Christentum sein Eigenes nicht verschweigen. Im Gottesdienst werde Befreiung konkret zugesprochen. Sie solle Menschen nicht auf einen höheren Stand versetzen, sondern zum Leben in Freiheit befähigen. Man dürfe sie mit diesem Zuspruch jedoch nicht alleinlassen: Freiheit müsse auch lebbar werden.

In sechs Workshops ging es unter anderem um evangelische Freiheit, den Pfarrberuf, konservative Weiblichkeitsbilder in sozialen Medien, liberale Theologie und rechten Druck auf Kirchengemeinden. In der Schlussrunde wünschten sich die Superintendentinnen Marit Günther-Menzel und Ulrike Schimmelpfeng mehr Brücken in die kirchliche Praxis. Schimmelpfeng verwies auf junge Erwachsene unter dem Druck zahlreicher Wahlmöglichkeiten und öffentlicher Selbstdarstellung.

Weitere Informationen

„Gefährdete Freiheit“ war das Thema eines Theologischen Studientags, zu dem die Theologische Fakultät Göttingen und die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers am 17. Juni 2026 eingeladen hatten. Beruflich und ehrenamtlich Engagierte aus Kirche und Theologie kamen in Göttingen zusammen, um über den wachsenden Druck auf Freiheit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und demokratische Kultur zu diskutieren. Impulse gaben Prof. Dr. Martin Laube, Prof. Dr. Detlef Pollack und Regionalbischof Dr. Claas Cordemann. In Workshops vertieften die Teilnehmenden die Themen und brachten eigene Perspektiven ein. Ein abendliches Meet & Greet rundete den kostenfreien Studientag ab