Hildesheim: Regionalbischof Cordemann predigt über Aufbruch und Vertrauen

Hildesheim, 06. Juli 2026

Regionalbischof Dr. Claas Cordemann hat am Sonntag beim Open-Air-Gottesdienst auf dem Hildesheimer Neustädter Markt zu Füßen der St.-Lamberti-Kirche über Aufbruch, Unsicherheit und Vertrauen gesprochen. Anlass war das Festwochenende zu 800 Jahren Marktrechte, die 1226 durch König Heinrich VII. verliehen worden waren. „Trau dich. Mach dich auf den Weg, auch wenn du noch nicht genau weißt, wo die Reise hingeht“, sagte Cordemann in seiner Predigt. Damit verband er die biblische Geschichte Abrahams mit Erfahrungen von Veränderung, die Menschen bis heute machen.

Gottesdienst zum Festwochenende

Der Gottesdienst war Teil eines Festwochenendes mit Wochenmarkt, Flohmarkt, Open-Air-Gottesdienst und Picknick. Cordemann griff in seiner Predigt zunächst ein sehr konkretes Bild auf: den Umzug. Er und seine Familie stünden selbst vor einem Umzug nach Hildesheim, sagte er. Seit einem halben Jahr werde geplant, ausgemistet und sortiert. „Aber ich will nicht klagen“, sagte Cordemann. „Ich habe ein Ziel. Ich weiß, wo es hingeht, und ich freue mich auf das, was dann jetzt hier in Hildesheim auf mich und auf meine Familie zukommt.“

Vom Umzug zur Abraham-Geschichte

Trau dich. Mach dich auf den Weg, auch wenn du noch nicht genau weißt, wo die Reise hingeht.

Regionalbischof Dr. Claas Cordemann

Von dieser persönlichen Erfahrung schlug der promovierte Theologe den Bogen zur Abraham-Erzählung des Alten Testamentes: Gott fordere Abraham auf, sein Land, seine Verwandtschaft und das Haus seiner Eltern zu verlassen. Cordemann fasste diese Zumutung so zusammen: „Pack deine Sachen, wir ziehen um. Aber wo es hingeht, das verrate ich dir später.“ Ob Abraham mit dann 75 Jahren mutig oder verrückt gewesen sei? „Vermutlich beides.“ Entscheidend sei für ihn aber der Zuspruch Gottes: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“

Der Regionalbischof übertrug die Erzählung auf heutige Lebenssituationen. Veränderungen könnten Freude machen – oder auch Angst: ein Umzug, die Bitte um Verzeihung, die Entscheidung nach dem Abitur, die Geburt von Kindern oder deren Auszug. „Das Unbekannte erzeugt immer, immer ein Gefühl von Unsicherheit“, sagte er. Die Abraham-Geschichte erzähle von einem Menschen, der sich aufmache, ohne zu wissen, wohin es gehe. Abraham sei für ihn „das Sinnbild eines vertrauenden Menschen“.

Orientierung in unsicheren Zeiten

Auch im Gespräch mit Dr. Friederike Fetting von der Lamberti-Gemeinde vor der Predigt ging es um Unsicherheit und Orientierung. Sein Amt, das er seit dem 1. Mai innehabe, könne man nur annehmen, „wenn man tatsächlich einen gewissen Grad Unübersichtlichkeit mag.“ Kirchlich gehe es in eine Zukunft, „die nicht ganz klar ist“. Menschen, denen Unübersichtlichkeit Angst mache, brauche man nicht mit schnellen Gewissheiten zu kommen. Als Supervisor und Coach habe er erlebt, dass Orientierung entstehe, wenn man eine Lage zunächst sortiere und dann nächste Schritte entwickle. „Sortieren ist schon der erste Weg dahin, wieder etwas mehr Sicherheit zu bekommen“, sagte Cordemann.

Der Markt als Ort der Begegnung

Cordemann deutete den Neustädter Markt als Bild für Begegnung und Austausch. Marktplätze seien immer Orte gewesen, „wo Menschen sich begegnen, sich auf den Weg gemacht haben und auf dem Weg sind“. Dort geht es um Lebensthemen: Fragen, Perspektiven, Unsicherheiten – und das Schöne. Vielleicht, sagte Cordemann an die Gottesdienstbesucher gerichtet, würden sie auch nach dem Gottesdienst „Lebenserfahrung teilen“ und „Mutmach-Geschichten erzählen von dem, was gelingt und schön ist im Leben“.

Gott als Geheimnis, nicht als Rätsel

Im Gespräch ging Cordemann auch darauf ein, wie Menschen von Gott sprechen können. Gott sei für ihn ein Geheimnis – nicht jedoch ein Rätsel, das nur einige lösen können. Er verstehe Geheimnis im Sinn von Mysterium: „Also keiner kann dieses Geheimnis lösen.“ Gott sei nicht verfügbar und nicht wie ein Gegenstand zu besitzen. Gerade Geburt und Sterbebegleitung seien für ihn Erfahrungen, in denen deutlich werde: „Wir leben in diesem Geheimnis, das uns umgibt und das wir sprachlich aber nie voll zu fassen bekommen.“

Vertrauen und leichteres Gepäck

Zum Schluss führte Cordemann die Linien seiner Predigt zusammen. Gott gehe den Weg mit, den ein Mensch wähle – „manchmal vor dir, manchmal neben dir, manchmal hinter dir“. Für die Gegenwart brauche es mehr Vertrauens- und Segensgeschichten, sagte er. Man müsse diese Geschichten erzählen und ihnen Raum geben – als Gegengewicht zu den dunklen Erzählungen. Mit Blick auf den eigenen Umzug fügte Cordemann hinzu: „Reisen mit leichtem Gepäck. Das kann auch ein Segen sein.“

Sprengel Hildesheim-Göttingen/ gmu

800 Jahre Neustädter Markt

800 Jahre Neustädter Markt in Hildesheim: Gefeiert wird nicht irgendein runder Geburtstag, sondern ein mittelalterliches Privileg mit Folgen. Im Jahr 1226 verlieh König Heinrich (VII.) der Hildesheimer Neustadt das Marktrecht. Damit bekam die junge, planmäßig angelegte Siedlung im Schatten der Altstadt ihr wirtschaftliches Herz: den Markt an St. Lamberti. Aus Handel, Handwerk und Nachbarschaft wuchs hier ein eigener städtischer Alltag – mit Kirche, Rathaus und Markt als Mittelpunkt. Heute erinnert das Jubiläum daran, dass der Neustädter Markt weit mehr ist als ein schöner Platz mit Katzenbrunnen: Er ist ein Stück Hildesheimer Selbstbehauptung, lebendige Stadtgeschichte und bis heute Treffpunkt mitten in der Neustadt.