Viktor Schneider folgt seiner Berufung – über Konfessionsgrenzen hinweg

Nachricht Hemeln, 30. Januar 2026

Es gibt Lebenswege, die lassen sich nicht in Konfessionsgrenzen einordnen. Der von Viktor Schneider ist so einer. Jahrzehntelang war er orthodoxer Priester und Mönch. Geblieben ist, was ihn trägt: die Überzeugung, berufen zu sein. In einem Gottesdienst am 8. Februar wird er von Regionalbischof i.R. Hans Christian Brandy in der Marienkirche in Hemeln in sein Amt als evangelisch-lutherischer Pastor der Kirchengemeinden Gimte und Hemeln-Bursfelde eingeführt.

Berufung und Entscheidung

Der Schritt aus der orthodoxen Kirche war für Schneider kein plötzlicher Bruch, sondern die Konsequenz einer Entscheidung. Als er 2024 heiratete, stellte sich für ihn die Frage, ob seine Berufung an kirchliche Regeln gebunden sein müsse. Nach orthodoxem Kirchenrecht durfte er sein Amt als Pfarrer nicht weiter ausüben. „Ich konnte meine Berufung nicht aufgeben“, sagt Schneider. „Nur weil ich aufgehört habe, Mönch zu sein.“

Frühe Prägung zwischen den Konfessionen

Berufung ist ein Wort, das in seinem Leben früh eine Rolle spielte. Geboren wurde Schneider 1974 im sibirischen Karasuk nahe Nowosibirsk als Sohn eines evangelisch-lutherischen Vaters und einer katholischen Mutter. Getauft wurde er orthodox – aus pragmatischen Gründen. „In meiner Geburtsstadt gab es nur eine orthodoxe Kirche“, sagt er. Schon diese frühe Prägung zeigt, wie selbstverständlich unterschiedliche christliche Traditionen in seinem Leben von Beginn an nebeneinanderstanden.

Theologische Weite

Theologisch suchte Schneider von Beginn an die Weite. Nach der Übersiedlung nach Deutschland studierte er Theologie, unter anderem in Jerusalem als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Dort besuchte er auch Vorlesungen evangelischer Professoren. „Das hat mich sehr beeindruckt“, sagt er. Mit der evangelischen Theologie sei er seither gut vertraut – nicht nur akademisch, sondern auch spirituell. „Das hat mir in meiner persönlichen Gottesbeziehung sehr geholfen.“

Trotzdem blieb sein Weg lange der orthodoxen Kirche verbunden. 2002 schloss Schneider sein Studium in Erfurt ab und baute anschließend die russisch-orthodoxe Gemeinde in Göttingen mit auf, die er über mehr als 20 Jahre leitete. Noch vor seiner Priesterweihe hatte er die Mönchsgelübde abgelegt. Rückblickend spricht er offen über die Ambivalenz dieser Entscheidung. „Ich war als Mönch sehr unglücklich“, sagt Schneider. In der Bibel stehe, es sei nicht gut, dass der Mensch allein sei. „Ich habe gebetet, dass Gott mir eine Frau und eine Familie schenkt.“

Ankommen im ländlichen Raum

Mit der Heirat erfüllte sich dieser Wunsch – zugleich endete sein orthodoxes Pfarramt. Für Schneider war das kein Abschied vom geistlichen Dienst, sondern ein Wendepunkt. Der Wechsel in die evangelische Kirche sei für ihn keine Abkehr vom Glauben gewesen, sondern eine Möglichkeit, seiner Berufung treu zu bleiben. „Hier kann ich verheiratet sein und trotzdem im Dienst der Verkündigung stehen“, sagt er.

Im August 2024 trat Schneider in die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers ein und arbeitete zunächst in der Göttinger St.-Petri-Gemeinde. Dort lernte er evangelische Gottesdienstformen und Gemeindearbeit kennen. Nun folgt mit dem Wechsel nach Gimte und Hemeln-Bursfelde ein weiterer Schritt – bewusst hinaus aus der Stadt.

Das Landleben komme ihm entgegen, sagt Schneider. Er habe viele Jahre in großen Städten gelebt, inzwischen aber das Land schätzen gelernt. Heute wohnt er mit seiner Ehefrau und zwei Kindern in Neu-Eichenberg. Für seine Arbeit in den Gemeinden hat er klare Vorstellungen: „Ich hoffe, dass ich das Interesse der Menschen für den Glauben wecken kann.“

Gottesdienste sollen für ihn eine sakrale Ausstrahlung haben und zugleich offen sein für zeitgemäße Formen. „Ich singe gern“, sagt Schneider lächelnd. Manches lasse sich besser singen als lange erklären. Mit den Gemeinden wolle er ausprobieren, was trage und was ankomme.

Am Beginn seines Dienstes steht für ihn vor allem eines: ankommen. Er wolle Gespräche führen, Vereine besuchen und die Menschen kennenlernen. Seine eigene Geschichte habe ihn gelehrt, sagt Schneider, dass Glaubenswege selten geradlinig verlaufen – aber an Tiefe gewinnen können, wenn man ihnen treu bleibt.

Bettina Sangerhausen