Gottesdienst-Praxistag: Wo der Gottesdienst Luft bekommt

Hameln, 17. September 2026

Regionalbischof Dr. Cordemann über Gottesdienst in Zeiten des Verlusts

 

Ein Kirchenraum, der dunkel wirkt, bis der Blick sich ändert. Hände, die beim Segen plötzlich eine Frage aufwerfen. Beim Gottesdienst-Praxistag in Hameln geht es darum, was evangelischen Gottesdienst heute trägt – und was geschieht, wenn Menschen Gewohntes noch einmal genau ansehen.

Wer durch die schwere Tür von St. Bonifatius tritt, lässt den Einkaufslärm der Stadt hinter sich. Plötzlich ist da Weite. Pfeiler steigen in die Höhe, über ihnen spannt sich das Gewölbe, Licht wandert über alten Stein. Mehr als tausend Jahre Geschichte stecken in diesem Raum – Zeiten des Aufbruchs, des Verfalls, des Wiederaufbaus. Man wird still hier, fast automatisch. Und vielleicht ist es gerade deshalb der richtige Ort für einen Satz, der nach radikaler Zukunft klingt: „Siehe, ich mache alles neu.“

Unter dieser Jahreslosung 2026 sind rund 70 Menschen zum Gottesdienst-Praxistag nach Hameln gekommen, eingeladen von der Liturgischen Konferenz Niedersachsens und der Lektoren- und Prädikantenarbeit im Sprengel Hildesheim-Göttingen. Die Liturgische Konferenz Niedersachsens stärkt seit mehr als 90 Jahren den Gottesdienst als Sache der Gemeinde. Im 500. Jahr von Martin Luthers „Deutscher Messe“ fragen Haupt- und Ehrenamtliche, Pastorinnen und Pastoren ebenso wie Lektorinnen und Lektoren nach den „Schätzen des evangelischen Gottesdienstes“: Was davon trägt noch – gerade heute?

Gottesdienst in Zeiten gesellschaftlicher Verluste

Regionalbischof Dr. Claas Cordemann beginnt mit einem Satz, der in diesem Kirchenraum sofort eine zweite Bedeutung bekommt: „Gottesdienst findet nie in einem luftleeren Raum statt.“ Ihn interessiert das gesellschaftliche Klima, in dem Gottesdienst gefeiert wird. Vier soziologische Diagnosen führt er zusammen: Bei Armin Nassehi findet er den Verlust von Eindeutigkeit in einer Gesellschaft, die ungeheuer viel kann und ihre Probleme dennoch nicht einfach lösen kann. Andreas Reckwitz beschreibt den Verlust einer zuversichtlichen Vorstellung von Zukunft. Bei Aladin El-Mafaalani geht es um schwindendes Vertrauen und die Bildung von „Misstrauensgemeinschaften“. Hartmut Rosa schließlich diagnostiziert einen Verlust von Handlungsspielräumen: Menschen erleben sich zunehmend als Vollziehende von Anforderungen statt als Handelnde.

Cordemann zeichnet daraus aber kein Untergangsbild. Im Gegenteil: Der Gottesdienst, sagt der Regionalbischof, könne gegen keinen dieser Verluste einfach ein Gegenmittel anbieten. Das wäre eine Überforderung der Religion. Aber er könne „Gegenräume“ schaffen: gegen Überforderung einen Raum, in dem nicht alles gelöst werden muss; gegen Misstrauen einen Raum des Vertrauens; gegen den Zwang zum ständigen Reagieren eine Unterbrechung. „Er ist kein Ort, an dem die Welt repariert wird. Er ist ein Ort, an dem die Welt anders wahrgenommen werden kann.“

Evangelium, Segen, Vergebung, Gemeinschaft müssten nicht produziert werden. „Man empfängt.“ Gottesdienst, so Cordemanns Bild, könne eine „Schule des Vertrauens in Zeiten des Verlusts“ sein.

Zwischen gesellschaftlichem Klima und fröhlichem Gottesdienst

Kreiskantor Christian Windhorst ist Vorsitzender der Liturgischen Konferenz Niedersachsen. F: Müller

Dass diese Vorstellung Fragen auslöst, zeigt sich in der Diskussion gleich danach. Wie lässt sich ein fröhlicher Gottesdienst feiern, ohne auszublenden, was draußen geschieht?

Cordemann greift dafür noch einmal auf sein Bild vom Wetter und vom Klima zurück. Das gesellschaftliche Klima kann durchwachsen sein, während das „Wetter“ eines konkreten Gottesdienstes durchaus heiter ausfällt. Tatsächlich, sagt er, erlebe er Gottesdienste auch in bedrückenden Zeiten meist als fröhlich. Für ihn hat das einen Grund: Im Gottesdienst werde spürbar, „dass wir auf einem anderen Grund stehen und eine andere Botschaft haben“. Ernst dürfe es dabei durchaus zugehen. Aber eine getragene Zuversicht, sagt Cordemann, sei für ihn ein Kompass bei der ganz konkreten Gottesdienstvorbereitung.

Aus der Runde kommt zugleich die Sorge, Gottesdienste könnten zu stark von Tagespolitik bestimmt werden. Andere greifen gerade Cordemanns Gedanken der Unterbrechung auf: Menschen kämen erschöpft in die Kirche und bräuchten auch Ruhe von der Vielschichtigkeit der Welt.

Kirche solle nicht parteipolitisch sein, sagt der evangelische Theologe, „aber ich glaube, dass das Evangelium immer politisch ist“. Menschenwürde, Nächstenliebe, Feindesliebe – davon könne Kirche nicht zurücktreten. Die Gegenwart sei nicht die erste Zeit, in der Kirche sich verändern müsse. Sie habe sich durch viele Jahrhunderte hindurch immer wieder neu auf ihre Gegenwart eingestellt. Kirchengeschichte sei, sagt Cordemann, ein „permanentes Atmen der Kirche“. Die Zeiten ändern sich – und Kirche verändert sich mit ihnen.

Der Gottesdienst ist eine Schule des Vertrauens in Zeiten des Verlusts.

Regionalbischof Dr. Claas Cordemann

Zur Mittagszeit wird es stiller im Münster. Superintendent Dr. Stephan Vasel nimmt in seiner Andacht die Tageslosung auf: „Hüte doch nur und bewahre deine Seele gut, dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben.“ Was die Augen sehen, sagt Vasel, habe Einfluss darauf, wie es der Seele geht – ein Gedanke, der wenig später im Workshop über die Wirkung von Räumen fast handgreiflich wird.

Wenn der Kirchenraum

selbst spricht

Später sitzt eine Gruppe unter der Westempore des Münsters. Jetzt bekommt Cordemanns nicht luftleerer Raum eine zweite, ganz praktische Seite. Bauarbeiten verdunkeln die Fenster. Ringsum wirkt es dunkel, nur Strahler holen den weiten Bogen über den Köpfen aus der Dämmerung; Richtung Altar öffnet sich das hellere Hauptschiff. Der Workshop heißt „Der Raum spricht“, geleitet wird er von Pastorin Anna Walpuski. Und ihr erster Gedanke ist denkbar einfach: „Der Raum, in dem ihr euch befindet, der spricht auch.“

Walpuski bittet die Teilnehmenden, die Augen zu schließen und sich in die eigene Kirche zu versetzen. Was riecht man dort? Wie sitzt man? Was hört man – Straße, Glocken, vielleicht den Kindergarten nebenan? Und wohin wandert der Blick? In den Antworten tauchen harte Bänke auf, Zugluft, muffige Teppiche, Orgelklang und ein Platz, an dem man sich wohlfühlt. Einer der naheliegendsten Gedanken des Tages steckt darin: Im Gottesdienst hören Menschen nicht nur. Ihr ganzer Körper sitzt mit in der Kirche.

Walpuski spricht über Licht, Sitzordnungen, große Kirchen mit wenigen Besuchern und kleine „Räume im Raum“. Manches lässt sich nicht umbauen. Aber vielleicht anders beleuchten, anders nutzen, anders ansehen. Irgendwann schaut sie selbst in die Runde und auf den Bereich unter der Empore. Sie habe die ganze Zeit gedacht, sagt sie, dieser Raum sei so dunkel und gar nicht schön. Dann merkt sie: Es liegt auch daran, wohin sie schaut. „Eigentlich ist dieser Raum ja schön, nur ich habe es nicht gemerkt.“

Wie wirkt ein Segen?

Auch im Workshop „Ich lasse dich nicht“ mit Pfarrerin Gudrun Ederer aus Stuttgart beginnt Veränderung mit genauerem Hinsehen. Diesmal gilt der Blick den eigenen Händen. Wohin damit beim Segen? Wie steht man? Wie klingt die Stimme? Jemand erzählt von Unsicherheit bei einer Segensgeste. Kurz darauf wird ausprobiert. Wer möchte, tritt nach vorn; die anderen schauen, hören, geben Rückmeldung.

Dabei geht es gerade nicht darum, die eine korrekte Bewegung zu lernen. „Ich möchte überhaupt nicht sagen: Das ist richtig und das ist falsch“, sagt Ederer. „Sondern wir überlegen eben: Wie wirkt es?“ Eine Handhaltung kann Geborgenheit vermitteln, eine andere Autorität – nur wenige Zentimeter verändern komplett eine Geste.

Was sich gestalten lässt – und was nicht

Cordemanns Gedanke vom Empfangen ist hier längst keine Vortragsthese mehr. Beim Segen wird er praktisch: Da steht jemand, spricht, hebt die Hände – und kann doch nicht herstellen, was beim Gegenüber geschieht. Ähnlich ist es mit dem Kirchenraum. Man kann Licht setzen, Stühle verrücken, eine Kerze holen. Aber wie ein Raum auf einen Menschen wirkt, lässt sich nicht vollständig verfügen.

Gegen Ende des Raum-Workshops fällt aus der Gruppe noch einmal der Blick auf ein Kreuz, auf Kerzenlicht und auf die Eigenheiten des alten Gemäuers. Walpuski hört zu und sagt schließlich: „Also wir haben echt sehr viele Schätze in unseren Kirchen! Das war das Schlusswort. Jetzt können wir Kaffee trinken.“

Weitere Informationen

Die Liturgische Konferenz Niedersachsens e.V. (LKN) setzt sich seit 1925 für die Weiterentwicklung des evangelischen Gottesdienstes ein. Im Mittelpunkt stehen die theologische Reflexion und die praktische Gestaltung von Liturgie, Kirchenmusik und Gemeindeleben. Die LKN unterstützt Kirchengemeinden und alle, die Gottesdienste mitgestalten, mit Arbeitshilfen, Liedvorschlägen, Publikationen und Praxistagen. Ein besonderes Anliegen ist das partnerschaftliche Zusammenwirken von Pastorinnen und Pastoren, Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern, Lektorinnen und Lektoren, Prädikantinnen und Prädikanten sowie Ehrenamtlichen. Ziel ist ein lebendiger Gottesdienst, der von der Gemeinde getragen und gemeinsam gestaltet wird. 

Liturgische Konferenz Niedersachsen

Autor

Gunnar Müller