Heitere Gelassenheit im Wandel: Generalkonvent in Hildesheim

Hildesheim, 13. Oktober 2026

„Ich träume von einer Kirche, die in ihren Veränderungsprozessen eine heitere Gelassenheit ausstrahlt.“ Mit diesem Wunsch hat Regionalbischof Dr. Claas Cordemann beim Generalkonvent des Sprengels Hildesheim-Göttingen am 7. Oktober in Hildesheim für einen verantwortlichen Umgang mit dem Wandel geworben. Rund 250 Pastorinnen und Pastoren, Diakoninnen und Diakone, Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker sowie Ephoralsekretärinnen kamen zu dem jährlichen Treffen zusammen. Für Cordemann, der seit Mai im Amt ist, war es eine Premiere als Regionalbischof.

"Kirche lebt nicht zuerst von dem, was sie besitzt.

Sie lebt von dem, was sie empfängt."

Regionalbischof Dr. Claas Cordemann

In seiner Predigt stellte Cordemann den Segen in den Mittelpunkt. Er erinnerte an zwei fast 3000 Jahre alte Silberröllchen, die in einer Grabhöhle bei Jerusalem gefunden wurden und den Aaronitischen Segen tragen: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“


Es gebe Worte im Glauben, die sich auch nach Jahrtausenden nicht verbrauchten, sagte Cordemann. „Wenn mich meine eigenen Worte nicht mehr tragen können, dann schenken mir diese Worte eine Sprache.“ In ihnen seien das Sehnen und Hoffen, Lachen und Weinen von Generationen aufgehoben. Für ihn verkörpere sich Segen zugleich in der Geste der offenen, leeren Hand: Sie müsse nichts leisten und nichts festhalten, sondern könne empfangen.
Darin sah Cordemann eine wichtige Haltung für die Kirche heute. Mitgliederzahlen analysieren, Finanzprognosen erstellen, Gebäude und Stellen planen – all das sei notwendig. „Natürlich brauchen wir Strategien. Aber wir leben nicht aus Strategien. Wir brauchen gute Strukturen. Aber wir leben nicht aus Strukturen.“ Es gelte, verantwortlich zu gestalten und zugleich „die Hände zu öffnen für das Unerwartete“. Auch gesellschaftlich könne diese Haltung tragen: „Wer sich gesegnet weiß, muss den anderen nicht klein machen, um selbst groß zu sein.

Klare Kante bei den Finanzen

Den organisatorischen Blick auf die Veränderungen richtete anschließend Pfarrer i. R. Dr. Steffen Bauer in seinem Impuls „Transformation by Design – proaktiv gestalten, damit es gut wird“. Ein „Weiter so“ sei angesichts sinkender Mitgliederzahlen und knapperer Ressourcen unmöglich. Entscheidend sei, ob Kirche den Wandel aktiv gestalte oder nur noch reagiere. Bauer forderte „radikale Ehrlichkeit“ und warnte davor, Veränderung vor allem als Strukturfrage zu verstehen: „Wir reden zu viel über Strukturen, zu wenig darüber, wie wir miteinander umgehen.“ Langfristig werde die bisherige hauptamtliche Versorgungskirche nicht bestehen können; Ehrenamtliche müssten stärker befähigt und Hauptamtliche von Verwaltungsaufgaben entlastet werden.

Wer trägt unpopuläre Entscheidungen?

Schon in der ersten Aussprache wurde deutlich, wie konkret diese Fragen sind. Auf dem von Superintendent Jan von Lingen moderierten Podium diskutierten Diakonin Christine Dörrie, Pastorin und stellvertretende Superintendentin Anke Garhammer-Paul (Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt), Landeskirchenmusikdirektor Benjamin Dippel, Landesbischof Ralf Meister und Pfarrer Dr. Steffen Bauer.
Zur Debatte standen die allgemeine Finanzlage, der absehbare Nachwuchsmangel in der Kirchenmusik und neue Beschäftigungsformen über bisherige Zuständigkeitsgrenzen hinweg. Ein zentraler Streitpunkt: Wer trägt unpopuläre Entscheidungen? Zwar brauche es verbindliche Sparziele, hieß es aus der Runde, welche Gebäude oder Einrichtungen von Kürzungen betroffen sind, dürfe jedoch nicht allein von oben bestimmt werden. Bauer warb für Ehrlichkeit beim Ausmaß der Einschnitte: Wer Einsparungen zu gering ansetze, müsse schon bald wieder nachlegen.

Ideen und Debatten an den Stellwänden

An fünf Stellwänden im Seitenschiff hatten die Teilnehmenden Bauers Thesen im Vorfeld kommentiert – zu Schwerpunkten wie „Mehr Theologie und Bekenntnis wagen“, dem Ende der flächendeckenden hauptamtlichen Versorgung, dem Kulturwandel sowie dem „Mut zum großen Schritt“.

Rückmeldungen aus der Praxis

Anwältinnen der Stellwände stellten die Ergebnisse vor. Bei der ersten These gab es breite Zustimmung für mehr theologischen Austausch. Debattiert wurden auch inklusive Sprache und Wege, wie Menschen mit theologischen Fähigkeiten gestärkt werden können. Für die Zeit nach der flächendeckenden hauptamtlichen Versorgung wünschten sich Teilnehmende, Verwaltungsaufgaben auf größere Einheiten zu verlagern, um vor Ort wieder mehr Zeit für die geistliche Arbeit zu gewinnen. Gefordert wurden zudem bessere Qualifizierungen für Haupt- und Ehrenamtliche sowie ein Denken in sozialen Räumen und Zielgruppen statt in starren Gemeindegrenzen.

Dabei wurde ein typisches Dilemma deutlich: Einerseits dürfe die Leitung Entscheidungen nicht einfach nach unten abschieben – die bloße Aufforderung, vor Ort selbst über das Streichen von 30 Prozent zu befinden, reiche nicht aus. Andererseits warnten Teilnehmende vor Diktaten über die Köpfe der Betroffenen hinweg. Gefordert wurden transparente Kommunikation, Rückhalt und die Freiheit, Neues auszuprobieren – Fehler inklusive.
Auch die rechtliche Struktur wurde hinterfragt: Gemeinde sei mehr als ihre Rechtsform, Kirche keinesfalls ein reiner Betrieb zur Produktion von Religion. Den Aufruf „Keine Angst vor Widerständen“ beim großen Schritt griff Bauer direkt auf: Wer Veränderung gestalten wolle, müsse Gegenwind aushalten und konfliktfähig sein.

Abschiede und bewegende Momente

Zum Generalkonvent gehörten auch Abschiede. Zahlreiche Pastorinnen und Pastoren gehen in den kommenden Monaten in den Ruhestand, ebenso das Superintendentenpaar Jan und Stephanie von Lingen (Kirchenkreis Leine-Solling). Cordemann überreichte ihnen jeweils eine Rose.
Einen besonderen Dank erhielt Karin Nordmann, die seit fast einem Vierteljahrhundert als Sekretärin des (Landessuperintendenten und späteren) Regionalbischofs Eckhard Gorka, der Regionalbischöfin Dr. Adelheid Ruck-Schröder und des Regionalbischofs Dr. Claas Cordemann im Sprengel arbeitet und im kommenden Sommer in den Ruhestand geht: Cordemann überreichte ihr einen kleinen Rosenstrauß, die rund 250 Teilnehmenden dankten mit langanhaltendem Beifall im Stehen.


Aus der Landeskirche stellten sich Landesbischof Ralf Meister, Oberlandeskirchenrätin Dr. Nicola Wendebourg und Landeskirchenmusikdirektor Benjamin Dippel den Fragen der Teilnehmenden. Für den Pastor*innenausschuss sprach ein letztes Mal Pastor i.R. Gerhard Weber.

Sprengel Hildesheim-Göttingen, Gunnar Müller (gmu)

Weitere Informationen

Einmal im Jahr findet der Generalkonvent im Sprengel Hildesheim-Göttingen statt - verpflichtend für Pastorinnen und Pastoren, aber auch geöffnet für andere Gruppen in hauptamtlichen Berufen der Verkündigung.

Der Sprengel Hildesheim-Göttingen umfasst rund 350 Kirchengemeinden in acht Kirchenkreisen von Peine bis Hann. Münden und von Hameln bis in den Harz. Rund 400.000 Kirchenmitglieder gehören dazu, ebenso etwa 700 Kirchen und Kapellen.

Hier versehen derzeit 350 Pastorinnen und Pastoren, 80 Diakoninnen und Diakone, 150 haupt- und nebenamtliche Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker sowie 333 Lektorinnen und Lektoren und 85 Prädikantinnen und Prädikanten ihren Dienst. Getragen wird das kirchliche Leben vor Ort zudem von einer beeindruckenden Gemeinschaft: Mehr als 17.000 Ehrenamtliche engagieren sich vielfältig in den Kirchengemeinden.

So interpretiert eine KI Kirche im Wandel und den heutigen Generalkonvent: Vertraute Strukturen öffnen sich, Neues entsteht – und über allem spannt sich ein Bogen des Segens. Grafik: ChatGPT

Autor

Gunnar Müller