Notfallseelsorge Hildesheim-Göttingen: Da sein, wenn Worte fehlen

Hildesheim, 30. Oktober 2026
Die Beauftragten der Notfallseelsorge in den Kirchenkreisen des Sprengels trafen sich zum Austausch mit Regionalbischof Dr. Claas Cordemann (4.v.l.), Pastorin Alexandra Beiße (5.v.r.) sowie Pastor Joachim Wittchen (r.). Foto: Müller

„Wenn Menschen von einer Minute auf die andere den Boden unter den Füßen verlieren, sind sie da. Dafür gebührt ihnen großer Respekt.“ Mit diesen Worten hat Regionalbischof Dr. Claas Cordemann die Arbeit der Notfallseelsorge gewürdigt. 


Die Hilfe beginne dort, wo Worte fehlen: nach einem plötzlichen Todesfall, einem schweren Unfall oder wenn die Polizei eine Todesnachricht überbringt. Über diese Arbeit und ihre aktuellen Herausforderungen hat sich der Regionalbischof mit den Koordinierenden aus den Kirchenkreisen des Sprengels Hildesheim-Göttingen ausgetauscht.

Der größte Teil geschieht im Stillen

2025 verzeichnete die Notfallseelsorge im Sprengel 439 Einsätze, davon 373 im häuslichen Bereich. Nicht an öffentlich sichtbaren Unfallstellen also, sondern in Wohnungen, an Betten und Küchentischen. Dort bleiben Seelsorgende bei Menschen, deren Leben sich schlagartig verändert hat. Sie hören zu und halten das Schweigen aus.
Die Zusammenarbeit der Kirchenkreise koordiniert Pastorin Alexandra Beiße als Sprengel-Beauftragte für Notfallseelsorge, die auch das Treffen mit dem Regionalbischof organisiert hatte. Daran nahm ebenfalls Pastor Joachim Wittchen teil, Beauftragter für Notfallseelsorge in der Landeskirche Hannovers. Getragen wird die Arbeit ökumenisch von Haupt- und Ehrenamtlichen.

Zwischen Gesetzesfragen und Praxis

Pastorin Alexandra Beiße. F: priv.

Bei dem Austausch standen neben Berichten aus den Kirchenkreisen auch die angedachte Sprengelreform, der Entwurf für ein niedersächsisches Gesetz zur Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) und das Seelsorgegeheimnisgesetz auf der Agenda. Der Gesetzentwurf sieht unter anderem einheitlichere Alarmierungsstrukturen vor. In den Landkreisen und kreisfreien Städten ist die PSNV bisher unterschiedlich organisiert und aufgestellt, dieses wird im Gesetz ebenso vereinheitlicht und geregelt.
Beim Seelsorgegeheimnisgesetz geht es zudem um den Schutz vertraulicher Gespräche.
Was die Arbeit im Kern ausmacht, fasst Pastorin Beiße prägnant zusammen: „Notfallseelsorge heißt, in Extremsituationen da zu sein – ohne schnelle Antworten, aber mit Zeit, Nähe und Halt.“


Zur Sprache kam zudem das ökumenische Rahmenkonzept „Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“. Das Arbeitspapier von evangelischer und katholischer Kirche bietet Orientierung für die Seelsorge in außergewöhnlichen Krisenlagen.

Auch Helfende brauchen Halt

Wer Menschen nach einem Suizid, einem plötzlichen Todesfall oder einem schweren Unfall begleitet, nimmt Eindrücke mit, die nachwirken können. Deshalb sind Qualifizierung, Fallbesprechungen und Supervision fester Bestandteil der Notfallseelsorge. „Wer anderen Halt gibt, braucht selbst Räume, in denen er über das Belastende sprechen kann“, sagt Beiße.


Der regelmäßige Austausch unter den Verantwortlichen hilft dabei, Erfahrungen zu bündeln und gemeinsame Standards zu sichern: Verlässliche Hilfe für Menschen in Ausnahmesituationen setzt voraus, dass auch die Helfenden den nötigen Rückhalt erfahren.

Sprengel Hildesheim-Göttingen/ gmu

Notfallseelsorge: Das sollten Sie wissen

  • Für jeden da: Die Notfallseelsorge steht allen Menschen offen – unabhängig von Religion, Weltanschauung oder Kirchenzugehörigkeit. Und sie ist komplett kostenlos.
  • Streng vertraulich: Alle Gespräche unterliegen der Verschwiegenheit.
  • Akuthilfe, keine Therapie: Die Hilfe beschränkt sich auf die akute Krise vor Ort. Sie ersetzt keine längerfristige Beratung oder Therapie, vermittelt aber bei Bedarf an entsprechende Fachstellen.
  • Wichtiger Hinweis zur Erreichbarkeit: Die Notfallseelsorge ist nicht direkt anwählbar. Sie wird über die Rettungsleitstelle (112) oder die Polizei (110) alarmiert. Wenn Sie selbst betroffen sind, können Sie die Einsatzkräfte vor Ort jederzeit einfach bitten, die Seelsorge hinzuzuziehen.
  • Wichtiger Unterschied bei Depressionen oder persönlichen Krisen: Wenn Sie selbst gerade unter starken psychischen Belastungen oder Depressionen leiden und sofort jemanden zum Reden brauchen, ist die Telefonseelsorge die richtige Anlaufstelle. Sie ist rund um die Uhr direkt erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (sowie die europaweite Nummer 116 123). Der Anruf ist kostenlos und anonym.

Weitere Informationen

Informieren Sie sich über das gemeinsame Rahmenkonzept von evangelischer und katholischer Kirche für Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall.

Laden Sie das offizielle Arbeitspapier direkt hier herunter:

Ökumenisches Rahmenkonzept

Autor

Gunnar Müller